Die erste Lücke in der Berliner Mauer am Potsdamer Platz

„Ich kann den Potsdamer Platz nicht finden... War er hier?“

In einer der bekanntesten Szenen aus dem Film „Der Himmel über Berlin“ sucht ein alter Mann den Ort, an dem das Café Josty am Potsdamer Platz stand.

In der von der Mauer zerteilten Ödnis gibt es nichts, woran er sich orientieren könnte. „(....) Das kann doch hier nicht sein, der Potsdamer Platz.“ Auf dem menschenleeren Areal trifft er „keinen, den man fragen kann.“

Über 10 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer könnte wohl auch kaum jemand darüber Auskunft geben, wo das Café Justy stand, obwohl der Potsdamer Platz wieder von vielen Menschen bevölkert ist.

Kaisersaal und Weinhaus Huth, die einzigen Überlebenden des letzten Jahrhunderts, liegen versteckt hinter Glasfassaden. Ein neues Café Josty im Sony-Center ist 200 Meter vom alten Standort entstanden.

Ausgerechnet ein Mauersegment bietet eine Hilfe bei der Orientierung in Raum und Zeit.

Das Segment steht als „Platzhalter“ an einem besonderen Ort, an der Stelle, an der 1989 die ersten Lücke in der Mauer entstand. Die Segmente rechts und links der ersten Lücke sind erhalten geblieben und sollen als Denkmal für den Mauerfall an den authentischen Standort zurückkehren.

Aufstieg, Zerstörung, Wiedergeburt, Spurensuche

Der Potsdamer Platz ist durch seine geographische Lage spätestens seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts das bedeutendste Scharnier zwischen Ost und West. Der Begriff „Berlin W“ steht um 1900 für die als Konkurrenz zum Potsdamer Platz aufstrebenden Stadtteile im Westen der Stadt. Der Potsdamer Platz wird so auch zu einem Schnittpunkt zwischen dem „alten“ und „neuen“ Berlin. Er entwickelt sich seit Anfang des letzten Jahrhunderts zum verkehrsreichsten Platz Berlins, später sogar Europas. Menschen aus allen sozialen Schichten treffen hier zusammen, dazu Reisende aus aller Welt.

In zwei Schritten wird der Platz 1945 durch alliierte Bombenangriffe und 1961 durch den Bau der Mauer zerstört. Nach 28 Jahren Ödnis im Niemandsland beginnt nach der unerwarteten Öffnung der Mauer 1989 die Wiedergeburt des Potsdamer Platzes. Für Berlin ist dies der erste Schritt zur Wiederherstellung seiner Einheit.

Mit dem Fall der Mauer wird am Potsdamer Platz auch eine Zeitengrenze überwunden.

Die Mauer hat nicht nur den Blick auf den Potsdamer Platz und in die Leipziger Straße verstellt, sie ließ in der Perspektive des Westens auch die wichtigste Ursache dieser Zerstörung in den Hintergrund treten: Das Naziregime und den von ihm entfesselten II. Weltkrieg.

Die DDR hat, allem voran die neue Reichskanzlei, die Spuren der nationalsozialistischen Vergangenheit und auch die des Wilhelminischen Berlin um den Potsdamer Platz herum gründlich getilgt.

Die bewusste Erzeugung dieser Brache wird von der DDR mit der Schaffung eines militärischen „Auffangraumes“ mit Panzersperren begründet. In der räumlichen Tiefe der Absperrungen am Potsdamer Platz wird dem Westen aber vor allem die vollständige Auslöschung der architektonischen Zeugnisse vor allem aus der Gründerzeit des Kaiserreiches demonstriert, aus der historischen Sicht der DDR ein konsequenter Schritt.

In einem neuen Jahrtausend öffnet sich der Blick für eine ganzheitlichere Betrachtung der Geschichte. Es gibt in Berlin keinen zweiten Ort, an dem sich diese wechselvolle Geschichte über drei Jahrhunderte so nachvollziehen lässt, wie am Potsdamer Platz.


1685 Edikt von Potsdam

Die Geschichte des Ortes beginnt mit einem Beispiel religiöser Toleranz. Der „Große Kurfürst“ Friedrich Wilhelm ermöglicht am 8. November 1685 durch das Edikt von Potsdam protestantischen französischen Glaubensflüchtlingen, den Hugenotten, die Ansiedlung am Rande von Berlin auf den Wiesen an der Leipziger Landwehr. Die Großzügigkeit gegenüber den Flüchtlingen aus Frankreich ist aber auch für die wirtschaftlichen Interessen Preußens von Vorteil. Das Land, das noch immer unter den Folgen des 30jährigen Krieges leidet, erfährt durch die Zuwanderung eine spürbare Belebung.

1710 vereinte Residenz Berlin

1709/10 werden mehrere Residenzstädte zur vereinten Residenz Berlin zusammengeschlossen.

1736 Akzisemauer

Der Regent legt Wert auf eine verantwortliche Haushaltsführung. Zu den Einnahmen trägt ab 1736 eine noch von seinem Vorgänger Friedrich Wilhelm I., dem „Soldatenkönig“ errichtete Zoll- und Garnisonsmauer an der südlichen Stadtgrenze Berlins bei, die so genannte Akzisemauer.

Östlich der Mauer befindet sich innerhalb der Stadt das achteckige Octogon, der spätere Leipziger Platz. Das Tor in der Akzisemauer lässt auf der westlichen Seite den „Platz vor dem Potsdamer Thor“ entstehen.

Friedrich II., bekannt als „Friedrich der Große“ begründet in den Schlesischen Kriegen die Stellung Preußens. Unter Friedrich II. hat Preußen im europäischen Vergleich eine relativ große Presse- und Religionsfreiheit, die Folter wird abgeschafft. Im Siebenjährigen Krieg gerät der Herrscher 1760 in Bedrängnis. Ein russisches und ein österreichisch-sächsisches Korps stehen an der Schafbrücke und beschießen die Friedrichstadt mit Artillerie. Die Stadt kann der Übermacht nicht standhalten und wird am 8. Oktober 1760 aufgegeben - allerdings währt ihre Besetzung nur einige Tage. Schon am 13. Oktober entschließen sich die Besatzer zum Rückzug, da der König mit seiner Hauptarmee naht.

Französische Revolution 1789, Staatsstreich Napoleons am 9. 11. 1799

Die Französische Revolution erschüttert am 14. Juli 1789 mit dem Sturm auf die Bastille die alte politische und gesellschaftliche Ordnung aller Länder Mitteleuropas. Die Revolutionäre behalten herausgebrochene Steine der gestürmten Festung als Andenken.

Mit dem Aufstieg Napoleons zum militärischen Führer des revolutionären Frankreichs und seinem Staatsstreich am 9. November 1799 in Paris beginnt eine neue Reihe kriegerischer Auseinandersetzungen in Europa, von der bald auch Preußen bedroht wird.

Nach der Niederlage Preußens in der Schlacht bei Jena und Auerstedt ziehen am 26. Oktober 1806 französische Truppen durch das "Potsdamer Thor" in Berlin ein.

Völkerschlacht bei Leipzig 1813

Nach dem Sieg über Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 wird das Octogon 1814 in Leipziger Platz umbenannt.

Die Niederlage gegen Napoleon hat auch die Rückständigkeit des preußischen Staatswesens offenbart. Es werden umfassende Reformen eingeleitet; die Forderung nach einer freiheitlichen Grundordnung aber bleibt.

März 1848

1848 kommt es von Paris ausgehend erneut zu revolutionären Unruhen, die auch auf Berlin übergreifen. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. verspricht eine Verfassung und mehr Rechte für die Bürger. Auf einer Kundgebung fallen versehentlich zwei Schüsse, daraufhin kommt es am 18. März 1848 zu heftigen Kämpfen. Die geschlagenen Regierungstruppen rücken durch das "Potsdamer Thor" ab.

Eine Cousine des späteren Reichskanzlers, Hedwig von Bismarck: „Ein trostloser Anblick war es, als wir gegen Mittag ein Regiment zum Tore hinaus marschieren sahen. (...) Eine Volksschar strömte hinterher und kehrte, als der letzte Mann zum Tor hinaus war johlend und schreiend zurück.“

Am 10. November 1848 rücken preußische Truppen unter General Wrangel durch das "Potsdamer Thor" wieder in das Stadtzentrum von Berlin ein, um die Revolution niederzuschlagen. 1880 wird General Wrangel dafür auf dem Leipziger Platz ein Denkmal gebaut.

Um dem Reformdruck zu entsprechen, erlässt der preußische König Wilhelm IV. 1850 eine Verfassung. In Berlin werden das Herrenhaus und das Abgeordnetenhaus eingerichtet. Im Herrenhaus sitzen Adel und Großgrundbesitzer sowie vom König berufene Vertreter der Stände und anderer Bereiche. Die Abgeordneten werden nach einem Dreiklassenwahlrecht gewählt.

Gründung des Deutschen Reiches

1858 übernimmt Wilhelm I. für seinen Bruder die Herrschaft über Preußen. Am 24. September 1862 wird Bismarck preußischer Ministerpräsident. In dem Verfassungskonflikt um eine Vergrößerung des Preußischen Heeres wird das Abgeordnetenhaus auf Anregung von Bismarck aufgelöst. In den Kriegen 1864 gegen Dänemark und 1866 gegen Österreich festigt sich die preußische Vormachtstellung in Deutschland.

Der Sieg Preußens im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 führt zur Gründung des Deutschen Reiches. Am 18. Januar 1871 wird Wilhelm I. im Spiegelsaal von Versailles zum Deutschen Kaiser proklamiert.

Der Sieg trägt durch die Frankreich abgeforderten für die damalige Zeit immens hohen Reparationsforderungen von 5 Milliarden Francs schon die Wurzel künftiger Auseinandersetzungen in sich.

Durch die Reparationszahlungen, die der dreifachen Menge der sich in Deutschland im Umlauf befindlichen Geldmenge entsprechen, wird insbesondere in der Mitte Berlins ein beispielloses wirtschaftliches Wachstum ausgelöst.

Die im Spekulationsfieber nicht immer solide Bauweise vieler Häuser aus dieser Zeit zeigt sich zwischen 1943 und 1945, als viele Gebäude allein durch die Erschütterungen der Bombenexplosionen beschädigt werden. Das Weinhaus Huth ist in einer soliden Stahlskelettbauweise gebaut worden und bleibt stehen.

Im „Dreikaiserjahr“ 1888 stirbt Wilhelm I., woraufhin sein bereits todkranker Sohn Friedrich III. für kurze Zeit die Regentschaft übernimmt. Nach seinem Tod wird dessen ältester Sohn als Wilhelm II. Deutscher Kaiser.

Jahrhundertwende in Berlin, Sündenbabel und künstliche Gewitter

Die Jahrhundertwende in Berlin ist von vielschichtigen Strömungen geprägt.

Einerseits lassen der rasche Fortschritt auf technischem und wirtschaftlichem Gebiet die Menschen hoffnungsvoll in die Zukunft blicken.

Am Potsdamer Platz entsteht 1911 ein Café mit dem Namen Piccadilly, mit 2500 Plätzen das größte der Welt, auf den Dächern Reklame für „Leibnitz Cakes“.

Andererseits gibt es eine aus heutiger Sicht schwer nachvollziehbare Untergangsstimmung, oft sogar geradezu eine Sehnsucht danach. Mit der Geschwindigkeit des Wandels kann der Mensch offensichtlich nicht mithalten. Angesichts der immer deutlicher in Erscheinung tretenden Brüche wünschen sich viele eine Art „reinigendes Gewitter“.

„Krieg, (..) es (wäre) für unsere heutige, demoralisierte Kultur gar nicht schlecht, wenn Instinkte und Triebe alle wieder mal an ein Interesse gefesselt würden.“ notiert der Maler Ernst Liebermann 1909 in sein Tagebuch.

Die enormen Verkehrsströme sorgen für eine gesellschaftliche Durchmischung des Publikums. Viele Attraktionen ziehen in dieser Zeit vor allem das Interesse von Besuchern aus der Provinz auf sich. Im "Rheingold" sorgen ab 1907 künstliche Gewitter für die Faszination des Publikums.

Wilhelm II. sorgt sich um die Jahrhundertwende um die „ausgedehnte Prostitution (...) insbesondere in Berlin“ und mahnt ein „thatkräftiges Vorgehen“ an.

Bei 2 Millionen Einwohnern hat Berlin um 1900 rund 50.000 Prostituierte.

1914 regelt beispielsweise ein Buch mit dem Titel „Die staatliche Überwachung der Prostitution. Zum Handgebrauch für preußische Polizei und Beamte.“ den Umgang mit Prostituierten.

Es wird der hoffnungslose Versuch unternommen, sie aus dem öffentlichen Leben auszuklammern, der Besuch von Theatern und öffentlichen Plätzen wird ihnen verboten. Viele Straßen und Plätze in Berlin werden trotzdem durch das Angebot käuflicher Liebe geprägt.

Über die Friedrichstraße notiert Stefan Zweig, es sei dort „schwerer, ihnen auszuweichen als sie zu finden“, und auch am Potsdamer Platz prägen sie das Stadtbild. Der Maler Ernst Ludwig Kirchner stellt die „Zeitfrauen“, die so genannten Kokotten auf seinem berühmten Gemälde „Der Potsdamer Platz“ von 1914 dar.

Der Kaiser nennt so etwas „Rinnsteinkunst“.

1914

1914 bricht die „Erbfeindschaft“ zwischen Deutschland und Frankreich erneut aus. Sie führt in die Katastrophe des I. Weltkrieges.

Das Café Piccadilly wird in Haus Vaterland umbenannt und zum Treffpunkt patriotischer Rabauken, die sich nach einigen Bieren aufmachen, um auf Ausländer und vermeintliche Spione Jagd zu machen.

1916 wird Karl Liebknecht am 1. Mai auf dem Potsdamer Platz bei einer Demonstration gegen den Krieg verhaftet. Jahrzehnte später soll ein Denkmal vor dem Potsdamer Bahnhof daran erinnern. Seine Realisierung kommt aber über den Bau eines Sockels nicht hinaus, da sich das Areal plötzlich im Grenzgebiet befindet - für Gedenkfeiern ein denkbar ungünstiger Ort.

Am 6. und 7. November 1917 kommt es im zaristischen Russland zur Oktoberrevolution.

72 Jahre später wird dieses Datum einer der Faktoren sein, warum die Mauer in Berlin ohne nennenswerten Widerstand in sich zusammenfällt. Die sowjetische Führung, in Fragen, die den Vier-Mächte-Status von Berlin berühren, normalerweise sehr empfindlich, feiert den Jahrestag der Revolution. Wichtige Entscheidungsträger sind in dieser Nacht nicht ansprechbar. Gorbatschow erfährt deshalb erst am Morgen des 10. November 1989 von den Ereignissen in Berlin.

1918: die rote Fahne auf dem Dach des Palasthotels

1918 kommt es im Deutschen Reich zu Aufständen kriegsmüder Soldaten, am 9. November dankt Kaiser Wilhelm II. ab und geht in das Exil nach Holland.

Die Gewalt, die der Krieg entfesselt hat, kommt jetzt nach Berlin. Auf dem Potsdamer Platz herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände. Nach heftigen Schießereien in der Nacht weht am 10. November 1918 auf dem Dach des Palasthotels die rote Fahne.

Der Kaiser ist zwar im Exil in Holland, seine Generale sind aber noch in Berlin. Sie erklären den für Deutschland fatalen Kriegsverlauf mit der so genannten „Dolchstoßlegende“.

Das Deutsche Heer sei „im Felde unbesiegt“ gewesen, die militärische Niederlage sei allein die Folge der am 9. November 1918 mit dem Rücktritt des Kaisers gipfelnden Aufstände.

Für die Nationalsozialisten ist der 9. November seitdem ein Datum mit hoher Symbolkraft und wird jährlich mit dem Abhalten von Reden gegen die „Novemberverbrecher“ begangen. Auch das Datum der „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938 hat aus der Sicht der Nationalsozialisten diesen historischen Bezug.

Versailles

Mit dem so genannten „Diktatfrieden von Versailles“ präsentiert Frankreich genau 48 Jahre nach der Proklamation des ersten deutschen Kaisers am 18. Januar 1919 am selben Ort eine Art Abrechnung für die Reparationen von 1871.

Damit ist die nächste Auseinandersetzung bereits vorgezeichnet.

Bürgerkrieg

Eine Reihe blutiger innenpolitischer Auseinandersetzungen verursacht bürgerkriegsähnliche Zustände (1919, 1920, 1929).

Am 8. und 9. November 1923 versucht Hitler in München einen Militärputsch, der Auftakt zu einem „Marsch auf Berlin“ sein soll.
Der Putsch scheitert kläglich.

Der Gedanke einer deutschen Revolution wird auch an anderer Stelle erörtert. Am 10. Oktober 1923 erscheint in der "Roten Fahne", der Zeitung der Kommunistischen Partei Deutschlands, ein Artikel eines selbst Parteimitgliedern noch unbekannten Autors. "Die kommende Revolution in Deutschland ist das wichtigste Weltereignis unserer Tage. Der Sieg der Revolution in Deutschland wird für das Proletariat Europas und Amerikas von größerer Bedeutung sein als der Sieg der Russischen Revolution vor sechs Jahren. Mit dem Sieg des deutschen Proletariats wird sich das Zentrum der Weltrevolution unweigerlich von Moskau nach Berlin verlagern." schreibt "J. Stalin."

Einige Tage später legt die Militärkommission des ZK einen Plan zur Mobilmachung von rund 2,5 Millionen Soldaten der Roten Armee vor, um das deutsche Proletariat - wenn nötig - in seinem Kampf zu unterstützen. In einem Sitzungsprotokoll wird festgehalten: "Punkt 3. Übereinstimmung mit der Kommission in der Frage des Termins - 9. November d.J."

Die wilden 20er

Trotz oder vielleicht auch gerade wegen der unruhigen gesellschaftlichen Bedingungen blüht am Potsdamer Platz nun erst recht eine oberflächliche, auf Massenabfertigung ausgerichtete Unterhaltungskultur auf, die von späteren Generationen zu den „wilden 20ern“ verklärt wird.

Von den deutschen Expressionisten (George Grosz u.a.) werden die Nachkriegsjahre als „Tanz auf dem Vulkan“ dargestellt.

In den 20er Jahren entwickelt sich der Potsdamer Platz zum verkehrsreichsten Platz Europas und bekommt 1924 eine Verkehrsampel. „Es ist geradezu lächerlich, was zur Zeit in dieser Stadt aufgestellt wird , um den Verkehr zu organisieren, statistisch zu erfassen, zu schildern, zu regeln, abzuleiten, umzuleiten. Ist er denn so groß? Nein.“ spottet Kurt Tucholsky.

1936 wird die Ampel wieder abgebaut.

Machtergreifung

In dieser Zeit befinden sich nach der nationalsozialistischen „Machtübernahme“ 1933 in einem Umkreis von 500 Metern um den Potsdamer Platz herum die wichtigsten politischen Entscheidungszentren des III. Reiches: Auswärtiges Amt, Propagandaministerium, Reichsluftfahrtministerium, Volksgerichtshof, Gestapo-Zentrale, Tiergartenstraße 4 (Euthanasieprogramm „T4“) usw. Für den Bau der Reichskanzlei wird ab 1937 fast die gesamte alte Bebauung auf der Nordseite der Voßstraße niedergelegt.

Reichskristallnacht 9. November 1938

Nach dem Attentat auf einen Legationssekretär der deutschen Botschaft in Paris, der am 9. November seinen Schussverletzungen erliegt, kommt es - durch Partei- und SA-Funtionäre gesteuert - in der Nacht zum 10. November zu einem Progrom gegen die in Deutschland lebenden Juden. Unter dem Vorsitz von Herrmann Göring findet im Reichsluftfahrtministerium am 12. November 1938 eine Besprechung statt, die zur "Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben" führt. Die historische Belastung des 9. November als "Reichskristallnacht" verhindert über 50 Jahre später, dass der 9. November zu einem Feiertag erklärt wird.

8. November 1939

Ein Attentatsversuch des schwäbischen Schreiners Georg Elser am 8. November 1939 auf Hitler scheitert knapp.

Hitler-Stalin-Pakt, II. Weltkrieg

Am 23. August 1939 fällt mit der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes in Moskau das letzte Hindernis für den Beginn des Krieges durch Hitlerdeutschland. In der Reichskanzlei feiert Hitler einen Tag später den Coup seines Außenministers.

50 Jahre später wird 400 Meter entfernt von hier ein Protest gegen die Annektion der baltischen Staaten durch die Sowjetunion aufgesprüht werden – „Free the Baltic States!“

Der Pakt zwischen den Diktatoren hält nicht lange. Am 21. Juni 1941 überfällt die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion. Am dritten Jahrestag des Paktes bombardiert die Luftwaffe Stalingrad, über 50.000 Menschen sterben dabei. Ein Jahr später fällt am 23. August 1943 die erste Fliegerbombe auf den Potsdamer Platz. Der schwerste Angriff trifft den Potsdamer Platz am 3. Februar 1945. Der letzte Luftangriff findet an einem weiteren symbolträchtigen Datum am 20. April 1945 zum 56. Geburtstag Adolf Hitlers statt. Zehn Tage später begeht Hitler am 30. April im „Führerbunker“ Selbstmord.

Die Kämpfe gehen noch bis zum 2. Mai 1945 weiter. Der Potsdamer Bahnhof wird von besonders fanatischen Verteidigern gegen die Übermacht der Roten Armee verteidigt. Es sind Angehörige der Waffen-SS aus verschiedenen europäischen Ländern, die wissen, daß sie bei einer Gefangennahme keine Gnade zu erwarten haben, unter ihnen auch französische Soldaten der SS-Division „Charlemagne“.

Kalter Krieg

Mit dem Einzug der westlichen Alliierten beginnt einige Wochen nach der Kapitulation der Vier-Mächte-Status von Berlin. Am Potsdamer Platz treffen sowjetische, amerikanische und britische Besatzungszone zusammen.

Nach der Einführung einer eigenen Währung in den West-Sektoren Berlins am 20. Juni 1948 reagiert die Sowjetunion ebenfalls mit einer eigenen Währung im Ost-Sektor Berlins.

Am Potsdamer Platz wird die Währungs- und Wirtschaftsgrenze mit einem Strich aus weißer Farbe auf der Straße gekennzeichnet.

Die Sowjetunion beginnt mit einer Blockade der West-Sektoren Berlins, über eine Luftbrücke werden die westlichen Stadtteile fast ein Jahr lang bis zum 12. Mai 1949 versorgt.

17. Juni 1953

Am 17. Juni 1953 ist der Potsdamer Platz einer der wichtigsten Schauplätze des Volksaufstandes in der DDR. Das ehemalige Reichsluftfahrtministerium, von der DDR in „Haus der Ministerien“ umgetauft, ist das Ziel der protestierenden Arbeiter. Sowjetische Panzer sollen die Gebäude sichern und fahren, zunächst ohne Schießbefehl und mit offenen Luken, auf der Leipziger Straße zum Potsdamer Platz. Demonstranten werfen Steine auf die Panzer, einige versuchen, Kontakt zu den Soldaten aufzunehmen, um sie davon abzubringen Gewalt gegen Zivilisten anzuwenden. Dann fallen die ersten scharfen Schüsse. Um 14:28 Uhr notiert der Westberliner Polizeibericht das erste Todesopfer: „1 Person Kopfschuss (tot)“.

In den Folgejahren beseitigt die DDR die Überreste der alten Bebauung.

1949 ist bereits die Neue Reichskanzlei abgerissen worden, ihre Marmorverkleidungen finden beim Bau des U-Bahnhofes Mohrenstraße und in der Empfangshalle der Humboldtuniversität Verwendung. Aus den Sandsteinblöcken der Fassaden entsteht das Sowjetischen Ehrenmal in Treptow.

In der Wilhelmstraße und im östlichen Teil des Gartens der Neuen Reichskanzlei entstehen Plattenbauten. Merkwürdigerweise wird die Stelle, an der sich der „Führerbunker“ befand, von der DDR nicht überbaut. Die letzten Reste werden erst in den 80er Jahren beseitigt.

13. August 1961

Am 13. August 1961 wird die Auslöschung des Potsdamer Platzes durch die Errichtung der Berliner Mauer abgeschlossen. Damit ist in Europa ein Status quo festgelegt, an dem sich für fast 30 Jahre nichts ändern wird.

„Die Mauer wird noch in 50 oder 100 Jahren stehen.“ verkündet der vorletzte Staatschef der DDR, Erich Honecker noch im Oktober 1989.

9. November 1989

Am 9. November 1989 wird die Existenz der Berliner Mauer durch die von den Bürgern der DDR durch gewaltlosen Protest erzwungene Reisefreiheit überflüssig. Innerhalb von Teilen der DDR-Regierung, vor allem in der Person des Verteidigungsministers Keßler, gibt es noch für kurze Zeit Überlegungen, diesen Wandel mit militärischen Mitteln umzukehren.

In den frühen Morgenstunden und am Vormittag des 10. November 1989 lässt der Verteidigungsminister der DDR die Grenztruppen und Truppenteile der Nationalen Volksarmee in „erhöhte Gefechtsbereitschaft" versetzen. Noch am 11. November gegen 10 Uhr versucht Keßler den Befehl zu geben, zwei in Stahnsdorf und Oranienburg stationierte Regimenter nach Berlin in Marsch zu setzen, um der unübersichtlichen Situation am Brandenburger Tor militärisch zu begegnen.

Eine erste Welle euphorischer "Mauerspechte" hatte an der Mauer zum Brandenburger Tor mit Hilfe eines Geländewagens und Brechstangen ein Segment fast herausgebrochen. Das Betonstück wird nur noch von der Stahlarmierung gehalten. Zum letzten mal wird ein Loch in der Mauer noch einmal repariert. Die Westberliner Polizei trägt wesentlich zur Deeskalation bei, indem sie die Bauarbeiten absichert.

12. November 1989: die erste Lücke in der Berliner Mauer am Potsdamer Platz

In der Nacht vom 11. auf den 12. November 1989 entsteht am Potsdamer Platz die erste Lücke in der Berliner Mauer.

Die Bilder gehen um die Welt. Nach der Maueröffnung an dieser Stelle gibt Verteidigungsminister Keßler auf. Er kündigt am 12. November um 13 Uhr öffentlich an, der Entwicklung keine militärischen Mittel mehr entgegenzusetzen:

„Der [...] Befehl an die Grenztruppen [...] lautet, alles zu tun [...], daß der nunmehr eingeleitete Reiseverkehr reibungslos verläuft [...], daß die [...] Grenzanlagen von niemandem zerstört werden [...] und das alles ohne Gebrauch oder Einsatz von Schußwaffen."

Zur Vertiefung dieses wichtigen Aspektes: Auszüge aus dem Buch "Der Fall der Mauer" von Hans-Hermann Hertle.

Der kalte Krieg ist beendet.

Das neue Berlin

Zum dritten Mal setzt in der Geschichte des Potsdamer Platzes eine Bautätigkeit ein, die alles vorangegangene übertrifft. Wieder einmal verändert der Potsdamer Platz innerhalb von wenigen Jahren sein Gesicht.

Mit der Vollendung der Europäischen Einheit 2004 ist eine Jahrhunderte lange europäische Auseinandersetzung beendet.

Auf dem geschichtsträchtigen Areal rund um den Potsdamer Platz ist eine neue Stadt entstanden. In unmittelbarer Nachbarschaft befinden sich mit Bundesrat, Berliner Abgeordnetenhaus, Bundeswirtschaftsministerium, Ländervertretungen und einer Vielzahl von Unternehmenszentralen wieder wichtige politische und wirtschaftliche Entscheidungszentren.

Der Potsdamer Platz ist damit wieder zu einem politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum geworden.

Mit dem Eintritt in ein neues Jahrtausend und damit auch einer größeren Distanz zu den Ereignissen im 20. Jahrhundert ist die Zeit reif, dem positiven Ausgang dieser Geschichte im geographischen Zentrum eines ihrer wichtigsten Brennpunkte ein Denkmal zu setzen.

Der 9. 11. 1989 ist als Endpunkt der Europäischen Katastrophe im 20. Jahrhundert ein herausragend positives Beispiel für einen in der Geschichte der Welt unvergleichlichen friedlichen Wandel.


Ein unsichtbares Friedenssymbol

Resigniert darüber, dass er den Potsdamer Platz nicht finden kann, fragt der alte Mann aus dem „Himmel über Berlin“:

„Was ist denn am Frieden, dass er nicht auf die Dauer begeistert, und dass sich von ihm kaum erzählen lässt?“.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Welt ist der Frieden nicht nur der einem Krieg entgegengesetzte Zustand. Weil er so unerwartet kommt und einen Wandel bewirkt, wie ihn in der Geschichte der Menschheit sonst nur kriegerische Auseinandersetzungen zustande bringen.

In wenigen Stunden ist die Berliner Mauer von einem Schreckensbauwerk zu einem Friedenssymbol geworden. Es gibt kein zweites Symbol, das als tonnenschweres Denkmal eine vergleichbare weltweite Verbreitung gefunden hat.

Nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center am 11. 9. 2001 und seinen kriegerischen Folgen ist die Erinnerung an die gewaltlose Auflösung des größten und für die Existenz der ganzen Welt bedrohlichsten Gegensatzes der Geschichte wichtiger als je zuvor.

Dass die Erinnerung an die friedliche Wende alle Berliner und Besucher der Stadt aus aller Welt auch „auf die Dauer begeistert“ ist die Aufgabe des Denkmales für den Mauerfall.

Das eigentliche Symbol dieses Wandels bleibt dabei unsichtbar: Die erste Lücke in der Berliner Mauer am Potsdamer Platz.